Lichterkette Roth

Bild: mit freundlicher Genehmigung der RHV

20. November 2017

Bericht zur Lichterkette der Roth-Hilpoltsteiner-Volkszeitung

Rede Dr. Rezarta Reimann 2017 (PDF, 544 kB)

„Lichterkette Roth“ 9. November 2017

Mirembrema bashkeqytetare te Roth dhe ju faleminderit per ftesen!

Liebe Bürgerinnen und Bürger der Stadt Roth,

herzlichen Dank für die Einladung und die Möglichkeit, an diesem 9. November vor Ihnen zu sprechen. Diesen Dank habe ich in meine Muttersprache ausgedrückt.

Mein Name ist Rezarta Reimann, ursprünglich komme ich aus Albanien, dem „Land der Skipetaren“, wie es im Titel eines Buches des deutschen Autoren Karl May heißt. Geboren und aufgewachsen bin ich in Tirana, unter einem diktatorischen Regime, das zwar keine sichtbaren Mauern an seine Grenzen gebaut, jedoch die Seelen der Menschen in Ketten gelegt und jeden Kontakt mit der Außenwelt verboten hat. In dieser Zeit der Repression erlebte ich – wie viele meiner Landsleute – die ideologische Blindheit des „neu erschaffenen Menschen“, der gehorsam das tut, was die Partei befiehlt, und der das freie Denken nicht kennenlernen darf. Das ist ein Teil der Geschichte meines Lebens, ein dunkles Kapitel meiner Jugend in Albanien.

In meinem Leben gibt es aber auch eine andere Geschichte. Diese Geschichte hat mit meiner zweiten Heimat, Deutschland, zu tun. „The wind of change“ hat die inneren Mauern der Angst und die Betonbunker der Diktatur in Albanien – wie in anderen Osteuropäischen Ländern – weggefegt. Plötzlich konnte ich ein freier Mensch sein, über mein zukünftiges Leben selber entscheiden. Ich wollte nach Europa, die Luft der Freiheit riechen, die schlafenden Träume – die in der Dunkelheit der Seele tief in mir gelebt zu werden warteten, zur Realität zu machen. Mit einem kleinen Reisekoffer in einer Hand, einem Rucksack mit Büchern und Bildern von meiner Familie und meinen Freunden, – sozusagen, Albanien auf meinen Schultern – landete ich in Frankfurt. Voller Freude und Hoffnung. Heute noch pulsiert in mir das Glück des Moments, an dem ich das friedliche und demokratische Europa betrat.

Wenn ich an die Erinnerungen an diese so unterschiedlichen zwei Facetten meiner Lebensgeschichte zurückblicke, bemerke ich eine Parallele zum heutigen Tag.

Unsere gemeinsamen Erinnerungen an dem 9. November sind auch von zwei unterschiedlichen Ereignissen geprägt: den 9. November 1938 und den 9. November 1989.

Für den 9. November 1938 stehen die Bilder der brennenden Synagogen und eines aufgepeitschten Mobs, der jüdische Bürger demütigt und misshandelt, Schaufenster jüdischer Geschäfte zerstört und Häuser mit Hetzparolen beschmiert. Der Beginn einer beispiellosen Menschenvernichtung, in dessen Verlauf Millionen europäischer Juden systematisch ermordet wurden. Der 9. November 1938 steht damit für die dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte.

Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 markiert hingegen das Ende der kommunistischen Diktaturen in Deutschland und Europa. Die Bilder von den tanzenden Menschen auf der Berliner Mauer gingen um die Welt und zeigen einen der glücklichsten Momente jüngerer deutscher Geschichte.

Heute entdecke ich eine unsichtbare Hand, die die Fäden meiner persönlichen und Deutschlands Geschichte miteinander verbindet: Zwischen Epochen und Zeiten, zwischen Völkern und Ereignissen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

Wir gemeinsam halten heute Lichter in der Hand. Gemeinsam wollen wir den Weg des Zusammenseins in eine weltoffene Gesellschaft gehen. Wir gemeinsam, unabhängig von Herkunft, Religionszugehörigkeit oder sexueller Orientierung, wollen zeigen,

  • dass wir die Werte der freiheitlichen Demokratie, die wir in vollen Zügen genießen, in einer schwierigen Zeit für unseren Kontinent und in der Welt mehr denn je verteidigen wollen;

  • dass Hass und Fremdenfeindlichkeit keinen Platz mitten unter uns haben;

  • dass die Sorgen, Ängste und Unsicherheiten über das zukünftige Zusammenleben nicht Antworten bekommen, die uns noch mehr trennen, sondern welche, die uns Hoffnungen für ein besseres Miteinander schenken. Hoffnungen, die nicht nur Herzen erfüllen, sondern auch den Kopf und den Verstand überzeugen.

Dabei wehren wir uns – wie der Autor David Kermani sagt, „gegen diejenigen, die sich als Retter des Abendlandes aufspielen, aber alles verraten, was an diesem Abendland liebens- und lebenswert ist.“

Ich stehe heute hier und fühle mich geehrt, meine Gedanken mit Ihnen zu teilen. Ich freue mich zu sehen und zu fühlen, dass Deutschland vielfältiger, offener, und herzlicher geworden ist. Menschen dieser Welt werden nicht mit den gleichen Möglichkeiten und Chancen geboren. Viele, so wie ich, sind in ärmeren und diktatorischen Länder geboren; viele leben mitten im Krieg; viele verlieren das Zuhause, wo Katastrophen und Konflikte ihre Existenz bedrohen. In den letzten zwei Jahren kamen dann auch viele Geflüchtete nach Deutschland mit dem verständlichen und menschlichen Wunsch, in Frieden und in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu leben.

In diesen schweren Zeiten für sie haben wir unsere Herzen weit geöffnet. Eine Welle des bürgerlichen Engagements rollte in die Flüchtlingsheime, um das Ankommen bei uns zu erleichtern. Sprachkurse, Begleitungen bei Behördengängen und Begegnungen aller Art finden statt. Wir hoffen gemeinsam auf eine sichere Zukunft, und dabei lernen wir, gemeinsam Geduld zu üben. Denn auch unser Staat und unsere Demokratie müssen Wege und Möglichkeiten suchen - teilweise neu erfinden -, um diese große Herausforderung zu meistern. Mit Freude erleben wir, wenn unsere Begegnungen nach zwei Jahren in deutsche Sprache stattfinden. Viele Geflüchtete haben heute einen Job gefunden, gehen in die Schule oder machen eine Ausbildung. Es wird immer noch gespendet, Freundschaften und Patenschaften werden geschlossen, Projekte und Ideen des Zusammenseins gefördert, Ehrenamt und Hauptamt Hand in Hand, und Willkommenskultur gelebt. Kurz gesagt: „Courage und Empathie haben sehr oft gegenüber Panik und Vorurteilen triumphiert.“

Ich arbeite seit Jahren im Bereich der Integration und es erfüllt mich mit Stolz, wenn ich an diese großartige Leistung von uns allen denke. Vor kurzen fragte ich einen Jugendlichen vom Adam-Kraft-Gymnasium bei der Verleihung des Integrationspreises in Schwabach, der den Arbeitskreis „Integration“ an seiner Schule mitgründete, warum sie junge Geflüchtete treffen und Begegnungen organisieren. Er antwortete: „Wir konnten einfach nicht die Augen verschließen. Wir haben hier alles, die Geflüchteten haben nichts. Wir haben uns mit Händen und Füßen verständigt. Es reichte als Beginn.“

Der Beginn eines Weges, der nicht leicht, sondern oft anstrengend und schwierig zu beschreiten ist. Denn es gibt nicht nur starke Gefühle, sondern auch Ängste und Sorgen, die verständlich und menschlich sind. Vielen macht Angst, dass es in der Zukunft eine Überfremdung Deutschlands geben könnte. Viele formulieren die Sorge, dass die deutsche Kultur in vielen Städten verdrängt wird durch eine Flut von Fremdsprachen, fremden Gerüchen, Kopftüchern, Minaretten und sogar Spielplätzen mit fremden Namen wie "Ali Baba". Der „Islam“, die Gleichberechtigung, der Umgang mit Menschen, die aus sehr fernen Kulturen kommen, sind Themen, die für viele – teilweise berechtigterweise – ein Gefühl der Unsicherheit erzeugen und einen Keil zwischen offene Herzen und kühlen Verstand treiben. In den letzten Jahren wurde - wie lange nicht mehr - demonstriert und debattiert: mal lauter und hetzerisch, mal leiser und mit der Befürchtung, dass man jetzt in eine rechte Ecke geschoben werden könnte. Und dazu kommen Meldungen über Taten von einigen Geflüchteten, die nicht nur in Wiederspruch mit den Werten unserer demokratischen und modernen Gesellschaft stehen, sondern auch die Sicherheit unseres Landes und das Leben unserer Mitmenschen ernsthaft bedrohen.

Wenn wir aber nicht wollen, dass die rechten Pöbler die Debatte über die Zukunft der Migration mit ihren Lügen und Horrormeldungen über die Flüchtlinge und deren "unmenschlichen Taten" dominieren, wie Nadja Schlüter in der Süddeutsche Zeitung befürchtet, müssen wir uns vielen Fragen des Zusammenseins in Zukunft mutiger stellen: "Wie kann unsere Gesellschaft zusammenhalten, wenn mehr Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen zu uns kommen? Was wird von uns allen verlangt, damit in dem Ort wo wir leben, Frieden und Sicherheit herrschen? Was kann/muss man von Menschen verlangen, die in unserem Land Frieden und Sicherheit suchen? Wie schaffen wir es, die Vielfältigkeit der Kulturen, Religionen und Weltanschauen so zu gestalten, dass wir diese als Chance und nicht als Bedrohung wahrnehmen und erleben? Welchen Beitrag kann Politik/Gesellschaft/jeder Einzelne von uns leisten?“

Es gibt Menschen, die bei der Beantwortung dieser Fragen, „das Volk und das Land zurückholen wollen“, und "Deutschland den Deutschen" als Zukunftsvision propagieren. In meinem Leben in Deutschland habe ich auch Erfahrungen gemacht, die mir gezeigt haben, dass Rassismus und Intoleranz gegenüber Menschen, die nicht dem eigenen Spiegelbild ähneln, immer ein Teil Deutschlands gewesen sind. Ich arbeite mit der Überzeugung, dass man Nazis und Rassisten, Gaulands, Höckes und Weidels, nicht mit pathetischen Reden auf den Marktplätzen bekämpfen kann. Man kann sie auch nicht mit logischen Argumenten überzeugen. Was ich dagegen versuche ist, Löcher zu schlagen in die geistigen Mauern vieler Menschen, die aus welchen Gründen auch immer die AfD gewählt haben. Durch tägliches Engagement in der Integrationsarbeit erhoffe ich mir, dass hinter den Mauern der Angst und Unsicherheiten eine andere Realität wahrgenommen und erlebt werden kann. Das wünsche ich mir auch von der Arbeit in unserem neuen Parlament. Es wird sehr schwierig zu ertragen sein, eine Bühne der Demokratie frei für Menschen bereitzustellen, deren Ideologie und Rhetorik wir für abscheulich halten. Aber es ist genau diese freiheitliche Demokratie, die uns noch eine größere Bühne ermöglicht: eine Politik und ein Handeln, die Weltoffenheit, Solidarität, Respekt und Toleranz täglich fordern und fördern.

Wir müssen wortwörtlich einen Wähler nach dem anderen mühsam überzeugen, dass eine Stimme für die AfD grundfalsch (ist) war. Wir müssen allen Rassisten und Fremdenfeinden zeigen, dass wir solidarisch sind mit ihren Opfern. Wir müssen aufeinander aufpassen, – schrieb die Süddeutsche Zeitung kurz nach der Wahl.

In den letzten Jahren sind es vor allem Muslime, die ins Fadenkreuz der Nationalisten und Rechtextremisten geraten sind. Die Wissenschaftlerin Daila Mogahed beschreibt das Leben als Muslimin so:

„Heute hören wir: es gibt ein Problem in diesem Land, und das heißt Muslime. Wann werden wir frei von Islam sein? Es gibt Menschen, die Muslime raus aus unserem Land haben und Moscheen schließen wollen. Sie sprechen über Muslime, als ob wir eine Art Tumor in dem Körper unseres Landes sind. Und die einzige gestellte Frage bleibt: Ist das ein gut- oder bösartiger Tumor? Wie wir wissen, ein bösartiger Tumor wird rausgenommen, während ein gutartiger unter strenge Beobachtung gestellt. Aber diese Wahl macht keinen Sinn, weil wir hier die falsche Frage stellen. Muslime, wie alle anderen Landsleute, sind kein Tumor in dem Körper eines Landes, sie sind ein vitales Organ.“ Ende des Zitats.

Wenn wir das vitale Organ in unserem Körper gesund erhalten wollen – um bei der Metapher von Daila zu bleiben – sollten wir die Signale hören, die es uns ständig schickt. Wir sollten hören, wie es sich fühlt, um seine Bedürfnisse zu erfüllen. Sehr oft musste ich in den letzten zwei Jahren an meine eigene Migrationsgeschichte denken. Die Sorgen und die Probleme der Geflüchteten erinnerten mich an meine ersten Schritte in Deutschland: Ich fühlte wieder, wie es ist, in die Fremde zu kommen und zu versuchen, einen Platz in einer Gesellschaft zu finden, die anders ist als die, in der man jahrelang gelebt hat. Wie es ist, irgendwo an einem Ort zu stehen und nichts von dem zu verstehen, was die Leute sprechen. Jedoch zu hoffen, dass dieser Ort deine neue Heimat werden kann. Wie es ist, wenn vieles, was bis jetzt eine große Bedeutung im Leben gehabt hat, verloren geht. Wie es ist, Menschen gegenüberzustehen und nicht zu wissen wie man sie begrüßen und ansprechen soll. Und wie es ist, den großen Traum des Ankommens in Deutschland erreicht zu haben, aber dennoch nicht zu wissen, ob das Erreichte ein Anfang für ein besseres Leben werden kann, oder bald zu einem „Albtraum“ des Zurückgehens wird.

Im Grunde ist es nichts Neues. Diese Sorgen begleiten alle Migranten. Und wir gemeinsam haben Jahrzehnte Erfahrung mit Migration und Vielfältigkeit in unserem Land.

„In Wahrheit geht es ja um die Zukunft, wenn man die Vergangenheit nicht sinnlos auf sich beruhen lässt.“ sagte einst Willy Brandt. Daher erhoffe ich mir, dass wir rückblickend lernend und in die Zukunft schauend, die „Thesen zu kultureller Integration und Zusammenhalt“ beherzigen:

  • Dass wir Integration als eine Aufgabe sehen, die alle Menschen in Deutschland betrifft und damit sowohl die Aufnahmegesellschaft als auch die Migrantinnen und Migranten fordert. Hierzu gehört auch, Zugewanderte als selbstverständlichen Teil der deutschen Gesellschaft anzusehen.

  • Zuwanderung wird unsere Gesellschaft verändern, was Offenheit, Respekt und Toleranz auf allen Seiten erfordert. Alle Umgangsformen, kulturelle Gepflogenheiten und traditionelle Gebräuche müssen sich im gesellschaftlichen Diskurs bewähren oder weiterentwickeln, um ihre Berechtigung zu behalten und von den Menschen akzeptiert und respektiert zu werden. Die Geschlechtergerechtigkeit z.B. gehört zu den grundlegenden Prinzipien des Zusammenlebens und verlangt Achtung sowie Respekt vor Frauen und Männern.

  • In unserer Gesellschaft darf Hass nicht mit Hass begegnet werden. Keine Nachsicht dürfen diejenigen erwarten, die die Grundlagen der freiheitlichen Demokratie bekämpfen.

  • Unsere gemeinsame deutsche Sprache ist der Schlüssel zur Teilhabe aller in Deutschland lebenden Menschen am gesellschaftlichen Leben. Sie ist das unverzichtbare Mittel zu gleichberechtigter Kommunikation und damit Grundvoraussetzung für Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

  • Der interreligiöse Dialog und die friedensstiftende Kraft der Religionen sollten gestärkt werden: Gemeinsamkeiten müssen betont werden, um mit bestehenden Unterschieden konstruktiv umzugehen.

  • Integration ist ein langwieriger Prozess, in dem um Positionen gerungen werden muss. Das Schüren von Ängsten und Feindseligkeiten ist nicht der richtige Weg – wir stehen für eine weltoffene Gesellschaft.

Und nicht zuletzt: Der europäische Einigungsprozess ist nicht nur ein Garant für Frieden in Europa und eine wichtige Grundlage für Wohlstand und Beschäftigung, er steht zugleich für kulturelle Annäherung sowie für gemeinsame europäische Werte – wir wollen ein einiges Europa.

Ich möchte sehr gerne meine Gedanken, auf diesen Platz voller Lichter, mit einer jüdischen Erzählung beenden.

"Wann endet die Nacht?

Ein weiser Rabbi stellte seinen Schülern einmal die folgende Frage:
"Wie bestimmt man die Stunde, in der die Nacht endet und der Tag beginnt?" Einer der Schüler antwortete: "Vielleicht ist es der Moment, in dem man einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?"
Der Rabbi schüttelte den Kopf.
"Oder vielleicht dann, wenn man von weitem einen Dattel- von einem Feigenbaum unterscheiden kann?"
Der Rabbi schüttelte wieder den Kopf.
"Aber wann ist es dann?"
Der Rabbi antwortete: "Es ist dann, wenn Ihr in das Gesicht eines beliebigen Menschen schaut und dort Eure Schwester oder Euren Bruder erkennt. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns."

Lass uns gemeinsam unter den Lichtern der Hoffnung und der Offenheit in unsere Gesichter sehen und die Brüderlichkeit begrüßen!

Vielen Dank!

Dr. Rezarta Reimann 9. November 2017

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